Ich gehe hin und wieder mal mit einem Zeitgenossen, einem richtigen Freund, ein, zwei, zehn Bierchen trinken, der sich ganz gut im Musikgenre der härteren Gangart auskennt. Und vor einigen Monaten wusste er von einer norwegischen Deathmetal-Band zu berichten: Die einzigen Facebook-Nutzer ohne einen 'Freund'. Damals konnte ich ihn korrigieren: Ihm säße gerade ein solcher gegenüber. Heute kann ich das nicht mehr sagen: Ich habe nun sogar schon zwei Freunde.
Wie konnte es dazu kommen? Jobprojekt-bedingt hieß es zuletzt gefühlte 1000 Mal "Ja so wie bei Facebook halt", und da dämmerte mir: Ich hab zwar testweise mal einen Account angelegt und mir das mal angeschaut, aber dennoch eine Wissenslücke so ganz ohne Freunde und ohne mir mal die "Pinnwand" von wem angeschaut zu haben und ohne je wen "angestupst" zu haben und ohne je einen "Status" kommentiert zu haben.
[Exkurs]Als Grund für Facebooks Erfolg gegenüber myspace wird ja häufig angeführt, daß es vom Design her so viel besser sei. Ok, besser vielleicht, aber die Seite ist doch nicht schön! Ey, und es gibt sogar myspace-Seiten, die sehen besser aus als der Facebook-Einheitsbrei; das ist dann der Vorteil, wenn ein Betreiber seinen Nutzern ein paar Gestaltungsfreiheiten gibt.[/Exkurs]
Wie auch immer: Bemerkenswert ist, daß das Internet für viele mittlerweile Facebook ist. Mit einem Drupal(!)-Modul namens Facebook-style(!!) Status hatte ich es bspw. zu tun... Das ist nicht nur bemerkenswert, sondern auch doof und ich hoffe, daß der 15. September, der Tag an dem Diaspora an den Start gehen will, d.h. konkret wie Martin Weigert auf netzwertig.com berichtet: der Tag, an dem sie gleich den Quellcode veröffentlichen wollen, diesen Trend aufhält.
Ab dann werden Nutzer in der Lage sein, diaspora auf einem Server zu installieren und sich mit anderen Peers zu verbinden, um in einem sicheren Umfeld und ohne zwischengeschalteten Mittler kommunizieren und sich vernetzen zu können.
Wie das konkret ablaufen wird und über welche Anbieter man diaspora hosten können wird (nicht jeder besitzt ein Webhostingpaket oder einen Dedicated Server), ist bisher unklar. [netzwertig.com]
Darauf, wie das konkret ablaufen soll, bin ich ebenfalls gespannt. Aber ich teile nicht den Pessimismus einige Zeilen über diesem Zitat:
Zudem kommt der Bau eines dezentralen Netzwerks, das also jeder selbst hosten (lassen) muss, aus dem Gesichtspunkt der Benutzerfreundlichkeit einer Quadratur des Kreises gleich. [netzwertig.com]
Ohne daß ich es genau sagen könnte: Aber wer sagt denn, daß das jeder selbst hosten (lassen) muss? Ich kann mir vorstellen, daß es, wenn das Prinzip von Diaspora überzeugend ist, ganz schnell irgendwelche Dienstleister (bspw. den mit den bunten Buchstaben) gibt, die das für 'Nicht-Webdewelopper' erledigen, denen der Datenschutzaspekt bei Diaspora nicht so wichtig ist. Entscheidend wäre doch, da bin ich mal ganz bei Helmut Kohl, was unten rauskommt: Wenn mir das blaue Netzwerk nicht gefällt nicht gefällt, gehe ich zum roten, das sich nicht nur von den Farben, sondern in vielen anderen Dingen vom blauen unterscheidet, die mir eher zusagen. Und wenn ich zu viel Freizeit habe, mach ich's mir selbst – die Freunde aus dem blauen Netzwerk bleiben auch Freunde, wenn ich ins rote wechsel oder das selber aufsetze oder in mein Blog einbaue.
Wie gesagt: Wie das genau funktionieren soll, kann ich mir nicht richtig vorstellen. Aber das gilt für so viele Dinge. Allein für Aussicht jedoch, in Zukunft nie wieder "Ja wie bei Facebook halt" hören zu müssen oder vielleicht ganz selten mal "Ja, so wie bei dieser einen Plattform halt... äh, wie heißt sie? genau: Myspacebook oder so.", wünsche ich mir, daß das Ding Erfolg hat. Ich warte ja schon länger auf sowas und es könnte vielleicht nochmal etwas Schwung und wieder mehr Vielfalt in den Laden namens Internet bringen.
Ein Grund, warum mir als Nutzer das alles ziemlich egal sein könnte: Ich kann Facebook auch mit den beiden Freunden (ohne Anführungzeichen; sie sind es auch und insbesondere im echten Leben) keinen Reiz abgewinnen. "Anstupsen" ist so blöd, daß ich bei meinen Freunden erstmal nachfragen musste, ob es das ist, was ich vermutete. Aaaaaaber: Genau das wäre ja auch der Vorteil: Vielleicht gibt es dank Diaspora bald irgendeine "anstupsfreie" Plattform, der ich, aus welchen Gründen auch immer, einen Reiz abgewinnen kann und ich kann die beiden trotzdem als Freunde behalten.
Und schließlich ein Grund, warum ich dem Projekt keinen Erfolg wünsche: dieses bescheuerte Bild oder konkreter: Wie albern dieser Typ da auf'm Boden sitzt:

Aber wahrscheinlich muss man heutzutage sich so geben, um so Web-2.0-Leute von sich zu überzeugen und auch mal'n Artikel in der Intro und Bravo zu kriegen...
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